„Jetzt sitze ich ja doch hier!“, denkt er und an seinen Augen sieht man sehr deutlich, dass er gegen diesen Wunsch angekämpft- , aber verloren hat. Den ganzen Abend wollte er schon hier sitzen –  bei ihr. Er weiß eigentlich gar nicht warum. Na ja, wenn er ehrlich zu sich selbst wäre, würde er es wissen. Aber er will es einfach nicht wahrhaben. Er kann nicht ernsthaft das Bedürfnis haben, sich mit „Butterblümchen“ zu unterhalten, sich ihr zu nähern. „Butterblümchen“, dieses abartig stille und unzugängliche Mädchen, das für ihn schon immer völlig rätselhaft war. Die ihn mit ihrem aufdringlichen Starren permanent schrecklich unsicher gemacht hat. Wenn er kurz vor seinem Start beim Giostra del Saracino unter Hochspannung stand war es immer besonders schlimm. Da ging sie ihm mit ihrem Gestarre am meisten unter die Haut und er konnte sich oft gar nicht richtig konzentrieren. Heute Abend ist ihm wieder eingefallen, dass sie in der Schule grundsätzlich zu kurze Kleider trug, so dass er immer auf ihre Beine schauen musste. Das war ihm damals immer schrecklich unangenehm gewesen. Schließlich war sie fast noch ein Kind. Und jetzt sitzt er hier. Und sie ist definitiv erwachsen geworden. Den ganzen Abend hat er sie heimlich beobachtet, er konnte kaum wegschauen.

„Nein, ich denke jetzt nicht an ihre Beine, sagt er sich innerlich und schaut unwillkürlich hinunter. Ihre Beine zeichnen sich leicht unter ihrem dünnen Baumwollkleid ab und er zieht verächtlich die Augenbrauen hoch. „Wer trägt nur solche Oma-Kleider?“, schießt es ihm ätzend durch den Kopf. Aber der Blick auf ihre Beine lässt ihn dennoch nicht kalt. Alles an ihr lässt ihn nicht kalt. Das war eigentlich schon immer so. Sie hat ihn schon immer angerührt, etwas in ihm zum Klingen gebracht.

Deshalb ist er ihr zu Schulzeiten auch immer am liebsten aus dem Weg gegangen. Und wenn es sich nicht vermeiden ließ, auf sie zu treffen, was leider oft der Fall war, weil ihr Bruder sein bester Freund ist, hat er sie grundsätzlich geärgert und gepiesackt. Er ist sich bewusst, dass er da manchmal auch über Grenzen gegangen ist. Weil er diese Anziehung, die er gegenüber ihr spürte, nicht zulassen konnte. Und deshalb wollte er ihr jetzt – heute – erst recht aus dem Weg gehen. Warum musste Pascale sie auch mitbringen. Das hätte er echt lassen müssen. Sie ist zwar erwachsen geworden und soweit er es heute Abend rausfinden konnte, hat sie auch keinen Freund. Warum ihn das überhaupt interessiert, will er lieber nicht so genau wissen. Aber dennoch will er Abstand halten. Er will sich mit seinen Gefühlen von früher nicht konfrontieren. Und auf keinen Fall will er diese Gefühle wieder spüren. Weil sie ihn in seinen Grundfesten erschüttern könnten. Und davor hat er schrecklich Angst. Weil er weiß, dass er sich nicht dagegen wehren könnte, so verzweifelt wie er die letzten beiden Jahre nach seinem Unfall durch die Welt stolpert.

Körperlich ist er seit seinem Unfall vor zwei Jahren nie mehr richtig ganz geworden, sein Bein war komplett zertrümmert, so dass ihm das Laufen immer noch schwer fällt und er leicht hinkt. Von seinen Narbenschmerzen ganz zu schweigen. Seine Physiotherapeutin sagt ihm immer, er müsse mehr für sein Bein und weniger für seinen Oberkörper tun. Aber er weiß, dass sein Bein nie wieder so sein wird, wie früher, warum also soviel Aufmerksamkeit drauflegen. Er ignoriert es einfach weg, so gut es geht. Auf ein Pferd wird er eh nie wieder steigen können. Also macht er exzessives Krafttraining um sein Bein herum.

Was ihn aber eigentlich belastet ist sein Kopf. Irgendetwas ist mit seinem Kopf passiert. Er hat oft Panikanfälle. Sein Arzt sagt er hätte den Unfall nicht gut verkraftet. Aber vor allem ist er einsam. Er hat Probleme seit seinem Unfall echte Nähe zuzulassen. Seine damalige langjährige Freundin hat er verlassen. Er konnte es mit ihr nicht mehr aushalten. Obwohl sie nach seinem Unfall treu an seiner Seite geblieben ist, ihn gestützt und unterstützt hat. Trotz oder gerade deswegen hat er sie betrogen. Mit allem was ihm so über den Weg lief. Mehrmals. Manchmal kommt ihm der Gedanke, dass er es einfach nicht ertragen konnte, dass sie so stark war, während er sich so schwach gefühlt hat. Aber vielleicht hat er in dieser Zeit in seinem Leben auch erkannt, dass er Maria überhaupt gar nicht liebt. Dass ihn gar nichts mit ihr verbindet. Aber das wollte er sich erst recht nicht eingestehen. Und daher hat er sie lieber so lange betrogen, bis sie es schlussendlich nicht mehr aushalten konnte und ihn verlassen musste. Aber eigentlich hat er Maria verlassen – schon lange vorher.

Und nun sitzt Kamila hier neben ihm, schaut ihn unverwandt an und er fühlt sich, als ob sie in seinen Kopf hineinschauen und alles lesen könnte, was er sich die letzten Jahre an Unsinn und Quatsch zurechtgelegt hat. Und er ahnt ganz leise, dass er sich, wenn er nur noch ein wenig länger hier sitzen bleibt, eingestehen muss, dass er Maria nie richtig wollte. Weil es immer schon Kamila war. Seit er 14 war. Und wenn er ihr weiter in die Augen schaut, dann wird seine ganze Einsamkeit und Schwäche mit Macht nach oben kommen und ihn einfach so wegspülen.

Also ballt er seine Hände zu Fäusten und schaut weg. Er ist einfach gar nicht in der Lage, sich überhaupt an jemanden zu binden und er will es ja auch nicht. „So ist das und das ist gut so!“, beschwört er sich und dann schafft er es endlich, innerlich wieder etwas auf Abstand zu gehen.

In diesem Moment drängt sich ihre Stimme in seine Gedanken. Erschrocken schaut er auf und hört sie sagen: „Warum lachst Du nicht mehr?“ Das kommt so unvermittelt, dass er weiß, dass sie vorher schon alles mögliche Andere erzählt haben muss, was wohl völlig an ihm vorbeigegangen ist. Sie starrt mit ihren blauen Augen in seine Braunen, so intensiv, dass ihn ein Schauer durchfährt. „Starr mich nicht so an!“, knurrt er und schaut zu Boden. Sie dagegen sieht richtig sauer aus. „Ich starre nicht, Dante! Ich schaue völlig normal, ich kann nicht anders schauen. Also, ich frag Dich nochmal. Was ist los? Oder möchtest Du mit mir vielleicht übers Wetter reden?“ Er schnaubt laut auf und meint dann brummend: „Ich lache nicht mehr und du fragst definitiv zu viel! Da haben wir uns wohl beide verändert. Deshalb gehe ich jetzt auch!“ Aber er kommt gar nicht dazu, weil sie ihn am Arm packt und ihn anfährt: „Du bleibst jetzt hier. Jahrelang hast Du mich geärgert und mich gequält und jetzt bleibst Du gefälligst hier und redest mit mir!“ Mit weit aufgerissenen Augen schaut er zu ihr, breitet ergeben die Arme aus und zischt: „Bitte schön, dann los. Mach mich fertig. Zeig es mir. Das habe ich jetzt genau gebraucht!“ Er wirkt unglaublich verstört. Und sie versteht überhaupt nicht, was mit ihm los ist. „Mensch, Dante. Ich will Dich doch nicht fertig machen. Ich will es Dir auch überhaupt nicht zeigen. Eigentlich wollte ich mich nur ganz normal mit Dir unterhalten. Aber irgendwie scheint das bei uns einfach nicht zu funktionieren. Sie schaut ihn verzweifelt an und fasst ihn am Arm. „Es tut mir leid. Ich wollte Dich nicht reizen. Wollen wir unser Gespräch nochmal neu beginnen? Bitte!“ Unbewegt schaut er sie mit seinen dunklen Augen an. Er sagt gar nichts. Und sie, entschlossen wie sie ist, versucht es einfach weiter. „Dante, bitte. Wie geht’s Dir? Was hast Du in der letzten Zeit so gemacht?“ Da kommt Bewegung in sein erstarrtes Gesicht. Bitter lacht er auf: „Butterblümchen, Du nervst. Wie immer. Da war mir dein stummes Starren ja sogar lieber!“ Und dann geht er.

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