Meine nackten Füße berühren die Stufen, die hoch zum Garten von Dantes Eltern führen. Meine neuen Plateausandalen habe ich am Fuß der Treppe ausgezogen, sonst breche ich mir mit Sicherheit gleich ein Bein, so weiche Knie wie ich habe. Mein Bruder mahnt: „Komm los jetzt, Kamila.“ Aber wir sind früh dran und ich zögere.

Und dann sind wir oben. Umrunden den Pool. Da steht er. Dante. Ich glaube ich falle gleich in Ohnmacht. “Hi Dante. Happy Birthday“, sagt mein Bruder. Dann nimmt er meinen Arm. Hoffentlich merkt er nicht wie ich zittere. Er schaut Dante an: „Ich habe Kamila mitgebracht.“ Dantes dunkle Augen blitzen kurz zu mir rüber. „Ist er etwa verlegen?“, frage ich mich kurz. Und ich habe eine Ahnung, was jetzt gleich geschehen wird. Dieses großmäulige As! Ich höre schon sein Lachen und sein lautes Rufen: „Hey Leute, schaut mal wen Pascale mitgebracht hat! Seine kleine Schwester! Erinnert ihr euch an das Butterblümchen?!“ Ängstlich schaue ich auf den Boden und warte darauf, seine tiefe durchdringende Bassstimme zu hören.  Aber es kommt, …nichts. Stattdessen höre ich nur ein raues „Hallo“ und „Nehmt euch was zu trinken.“ Und dann dreht er sich weg. Ich erhasche noch einen kurzen Blick auf seinen Arm. Tiefe rote Narben ziehen sich von seiner äußeren Mittelhand über seinen Ellenbogen bis nach oben unter sein T-Shirt. Es sieht nicht schlimm aus, aber er hat bestimmt furchtbare Schmerzen gehabt.

Dann laufe ich hinter meinem Bruder her Richtung Poolraum. Mit einem Rotwein und einem Bier bewaffnet, machen wir uns zurück zu den Anderen. Mittlerweile sind noch ein paar typische Dante-Girls eingetroffen. „Farbenschreiend“, so habe ich sie früher immer genannt. Sie schwirren kichernd und flirrend mit ihren Getränken und Geschenken um ihn herum. Er sieht während dessen gar nicht so fröhlich aus. Vielleicht ist es auch der dunkle Bart. Er hat da auch ein paar Narben darunter versteckt, das sehe ich jetzt. Aber nein. Das ist nicht, warum er so grimmig aussieht. Etwas Anderes ist komisch. Etwas an seinem Verhalten hat sich definitiv verändert. 

Etwa zwei Stunden später, ist die Musik laut und der Pool mittlerweile dicht bevölkert. Überall stehen Leute rum. Und ich bin doch überrascht, dass so viele der alten Freunde von Pascale und Dante hier sind. Viele habe ich schon ewig nicht mehr gesehen und fast nicht erkannt. Aber wenn ich ehrlich bin, haben sie mich eh nie besonders interessiert. Eigentlich hatte ich immer nur Augen für Dante.

Die meisten tragen jetzt nur noch Badekleidung. Ich habe mein langes Kleid noch an. Logisch. Bin ich verrückt, mich hier auszuziehen? Ganz sicher nicht. Außerdem ist das Kleid einfach zu schön. Aus einem leichten pastellfarbigen Baumwollstoff mit ganz vielen aufgestickten kleinen Blumen drauf. Ich liebe es und es ist mir auch egal, dass mein Kleid nicht viel zeigt. Im Gegenteil. Wahrscheinlich habe ich sogar absichtlich so ein Kleid angezogen. Ich will definitiv nicht die farbenschreienden Dante-Girls ausstechen. Und außerdem; Dante trägt auch noch T-Shirt und eine schlabbrige Jogginghose. Das wundert mich kolossal. Wo es doch so schön lau heute Nacht ist.

Die ganzen Mädels mit ihren knappen pink- und türkisfarbenen Bikinis sind mittlerweile alle im Wasser und versuchen krampfhaft die Aufmerksamkeit von irgendeinem der Männer zu erheischen. „Die haben es wirklich nötig!“, denke ich augenrollend. Ich sitze umkehrt auf einer der Rattan-Liegen an der Stirnseite des Pools. Dantes Mutter hatte schon immer einen ähnlichen Geschmack wie ich. Ich liebe die hellblauen Rollmatratzen in einem geblümten Baumwollstoff mit Quasten an den Ecken. Sie allein, sind für mich ein Grund, nicht mehr aufzustehen. Der andere ist Dante. Der steht nämlich schräg gegenüber und ich kann ihn von hier aus gut beobachten. Mein Bruder quatscht neben mir mit Tomaso, einer seiner – und Dantes Kumpels. Tomaso war zu Schulzeiten immer einer der netteren Jungs. Er hat eigentlich nie bei ihren Hänseleien mitgemacht und mich auch oft in Schutz genommen, wenn Dante und die anderen Jungs mich geärgert haben. Nach Schulschluss sind sie immer mit ihren Bikes hinter mir hergefahren und haben ganz laut „Das Butterblümchen-Lied“ gesungen. Tomaso hat mich einige Male verteidigt und sie dazu gebracht aufzuhören. Nur Dante, war eigentlich nie zu stoppen, er war immer der Gemeinste, das fällt mir jetzt gerade wieder ein. Im Winter hat er mir einmal sogar während des Sportunterrichts meine kompletten Kleider aus der Umkleidekabine geklaut. Ich saß ewig dort fest, bis mich meine Freundin Agathe gerettet hat und mir eine Hose und eine Jacke von zuhause gebracht hat. Wenn ich so darüber nachdenke, verstehe ich gar nicht, warum ich Dante noch so nachhänge und immer von ihm träume. Im letzten Schuljahr, bevor er Arezzo verlassen hat, waren wir einmal alle zusammen am Fluss schwimmen. Das war ein lustiger Nachmittag. Als die Jungs anfingen die Mädchen unterzutauchen, war Dante der Schlimmste. Und er hatte es natürlich auf mich abgesehen. Mich immer wieder untergetaucht. Alle anderen hatten schon aufgehört, aber er nicht. Er hat sich fast schlapp gelacht über mich und meine knallroten Augen. Und ich war so sauer, dass ich es nur gerade einmal geschafft habe, ihn unterzutauchen. Was habe ich ihn gehasst. Als ich schlussendlich angefangen habe, vor lauter Wut und Frust zu weinen, hat er mich mit einem höhnischen Lachen im Gesicht angeschaut und mit hoher verstellter Stimme gesagt: „Aber mein liebes kleines Butterblümchen, warum weinst Du denn, mein armes Kindchen!“ Und dann hat er sich einfach weggedreht und ist zum Ufer geschwommen. Wenn ich so drüber nachdenke habe ich, wenn Dante im Spiel war, eigentlich nur schlechte Erinnerungen. Er hat mich immer geärgert, immer gehänselt und einfach schlecht behandelt. Und trotzdem war ich immer in ihn verliebt. „Was sagt das bloß über mich aus?“

Nach meinem zweiten Glas Wein bin ich auf Wasser umgestiegen und schaue immer wieder möglichst unauffällig zu Dante, der nach wie vor schräg gegenübersteht. Ich verstehe wirklich nicht, warum er noch alle Klamotten anhat. Früher konnte er nie schnell genug ins Wasser springen. Und war er eigentlich schon immer so groß? Ganz sicher ist er viel muskulöser als früher. Ich schätze er hat mindestens 10 Kilo mehr Muskelmasse als vor fünf Jahren. Und ist wahrscheinlich fast doppelt so breit. Klar, ist er auch älter geworden. Ich habe ihn eher sehnig und lang in Erinnerung. Er war ein sehr guter Reiter beim Arezzo-Turnier und kann damals nicht mehr als 60 Kilo gewogen haben. Heute sind seine Schultern so breit, dass Pascale dagegen richtig mickrig aussieht. Obwohl mein Bruder seinerseits auch recht gut gebaut ist.

Als Tomaso um 0.00 Uhr den Geburtstagstoast auf Dante spricht, weiß ich es auf einmal, realisiere, die Veränderung bei ihm! „Yo Dante, wir wünschen Dir alles Gute zum Geburtstag und trinken auf Dich Du alter Sack!“ Und dann, … passiert einfach gar nichts. Dantes Gesicht bleibt stumm.  Er lacht nicht. Er grinst nicht. Er hebt nur sein Glas. Ich kenne ihn mit einem brummigen Lachen in der Kehle oder zumindest einem fiesen Grinsen im Gesicht. Definitiv mit einem witzigen Spruch. Aber gerade eben ist gar nichts passiert. Sein Gesicht bleibt starr. Fast wie tot. Er sagt nichts. Er bewegt sich nicht. Ich glaube ich habe ihn den ganzen Abend noch nicht einmal lachen sehen. Dabei liebe ich sein Lachen. Es ist laut und bricht aus ihm heraus wie ein Sommersturm. Was ist nur mit ihm passiert?

„Hey Kamila, alles klar?, fragt mich Pascale. Erschrocken zucke ich zusammen. Mittlerweile müssen wieder zwei Stunden vergangen sein und ich liege ich auf der Liege an der Stirnseite des Pools und schaue hinüber über den Hügel bis zu unserem Haus. Komisch, dass man es von hier sehen kann. Ich habe Dantes Haus von drüben noch nie ausmachen können. Ich weiß jetzt bereits, dass ich morgen früh gleich zur Morgenröte aufstehen- und versuchen werde, sein Haus von meinem Fenster aus auszumachen. In Gedanken habe ich sogar ein Fernglas in der Hand, und sehe Dante im Pool schwimmen. Ah! Innerlich schlage ich mir auf die Finger, weil ich mich natürlich nicht in solche niederen Gefilde bewegen will. „Ja, ja, alles prima! Ich genieße die Aussicht!“ antworte ich meinem Bruder und hoffe, dass er mich wieder in Ruhe lässt. Ich war noch nie ein guter Small Talker aber nach zwei Stunden non stop Beschallung von irgendwelchen alten Kumpels von Dante, habe ich für heute Abend wirklich genug geredet. Es hat mich schon gefreut, dass ich auf einmal anscheinend so interessant bin, dass sich so viele der alten Jungs (Männer!) mit mir unterhalten wollten. Ganz im Gegensatz zu vor fünf Jahren, als ich „das Butterblümchen“ war und trotz meines Kleides. Was ja schön ist, aber eben kein farbenschreiendes eng anliegendes Teil. Aber jetzt möchte ich nur noch in Ruhe die Aussicht und die laue Luft genießen. Das ganze Geplapper verschwindet im Hintergrund und eigentlich könnte ich demnächst einfach aufbrechen….

Der, wegen dem ich hier bin, war ja eh nicht bei mir. Und er wird auch nicht mehr kommen. Das weiß ich ja. Ich habe zwar gehofft. Und er steht auch immer noch schräg gegenüber und ich habe ihn auch schon zweimal erwischt, wie er zu mir rüber geschaut hat. Na ja, grimmig sah er dabei allerdings schon aus, aber das war er ja schon immer bei mir. Vielleicht nervt es ihn, dass ich die Liege schon den ganzen Abend blockiere. Ja ich weiß, ich hatte große Pläne. Ich wollte auf ihn zugehen und ihm zeigen, wie das hier jetzt läuft. Ihm zeigen, wie toll ich bin, eine interessante und charmante Unterhaltung mit ihm führen. So habe ich es mir wohl ausgemalt. Aber seine veränderte Art verunsichert mich total. Ihn umgibt eine dermaßen schwermütig traurige Aura, dass mir kein einigermaßen intelligenter Spruch einfällt, mit dem ich mich ihm nähern wollte. Also bleibe ich doch lieber auf meiner Liege liegen und stelle mir vor, wie ich in der Morgendämmerung von meinem Zimmerfenster aus, Dantes Haus entdecken werde. „Wenn ich nur wüsste, wo sein Zimmer liegt“, denke ich: „Dann würde ich ja vielleicht doch das Fernglas in die Hand nehmen.“

„Hallo“, brummt es hinter mir und ich fahre erschrocken aus meinen Gedanken hoch. Da steht er, Dante Severi persönlich. Sein Gesicht liegt dunkel im Gegenlicht des Pools. „Hi“, würge ich heraus.

Fortsetzung folgt…

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